Gestaltungsprinzipien, Barrierfreiheit, Benutzerfreundlichkeit

Universelles Design - Ansatz für ein Design für alle

Über die sieben Prinzipien des Universellen Designs und ihre Anwendung in der Praxis.

Gastbeitrag

 

06 MIN

1998 war in der Kunsthalle Krems eine Ausstellung mit dem Titel "Error Design" zu sehen, in der Alltagsgegenstände und -phänomene gezeigt wurden, bei denen die Gebrauchstauglichkeit offensichtlich nicht als Ausgangspunkt berücksichtigt wurde. Heute, mehr als 20 Jahre später, ist es leider immer noch gängige Praxis, ästhetischen Aspekten mehr Aufmerksamkeit zu widmen als funktionalen, was mit einer unzureichenden Berücksichtigung der Barrierefreiheit einhergeht. Die jüngsten Entwicklungen deuten jedoch auf einen grundlegenden Wandel hin: Derzeit ändert sich die Rechtslage in diesem Bereich auf globaler Ebene durch das Europäische Gesetz über die Barrierefreiheit sowie durch die Antidiskriminierungsgesetze in vielen Ländern der Welt. Wenn Sie mehr über den European Accessibility Act und seine Auswirkungen auf UX erfahren möchten, lesen Sie einen unserer früheren Artikel. Diese Entwicklung geht einher mit einer zunehmenden Medienberichterstattung über verwandte Themen und mit Initiativen, Aktionsplänen und Aktivistenbewegungen, die sich für die Rechte verschiedener gesellschaftlicher Gruppen einsetzen, die von barrierefreiem Design direkt profitieren würden (Barne, 2011).

 

Aufgrund dieser positiven Veränderungen wird Behinderung nicht mehr als individuelles medizinisches Problem betrachtet, sondern als gesellschaftspolitisches Thema. Es wird immer offensichtlicher und allgemeiner akzeptiert, dass jeder Mensch in verschiedenen Phasen und unter bestimmten Umständen, Ereignissen oder Begebenheiten seines Lebens von Beeinträchtigungen der einen oder anderen Art betroffen sein kann. Um den Kontext zu verdeutlichen, zeigen Studien, dass "nur etwa zwei bis drei Prozent der Beeinträchtigungen bei der Geburt vorhanden sind. Die meisten Beeinträchtigungen sind auf eine Vielzahl sozialer Ursachen zurückzuführen, darunter Armut, Umweltverschmutzung, Unfälle, Gewalt und Krieg" (Barne, 2011, S. 70, mit Verweis auf Priestley, 2003). Die Betroffenheit von Beeinträchtigungen nimmt zudem mit dem Alter deutlich zu (Barne, 2011, mit Verweis auf Priestley, 2003). Anstatt Beeinträchtigungen als anormale Phänomene zu betrachten, die individuelle Anpassungs- und Bewältigungsstrategien erfordern, wird zunehmend erkannt, dass die physische und soziale Umwelt angepasst werden muss. An dieser Stelle kommt ein neues Designkonzept ins Spiel: Universelles Design.

 

 

 

Universelles Design – Veränderte Definitionen

 

Der Begriff "universelles Design" wird oft synonym mit dem sogenannten "Design für alle"-Ansatz verwendet, und insgesamt ist die Terminologie regional unterschiedlich. Im Großen und Ganzen ist universelles Design ein Oberbegriff, der auch "barrierefreies Design", "barrierefreies Design", "inklusives Design", "generationenübergreifendes Design" usw. umfasst. Im Kern beruhen alle diese Ideen auf denselben Grundkonzepten (Lino, 2020).  

Nach der allerersten Definition von Mace (1985) bezieht sich universelles Design auf "die Gestaltung von Produkten und Umgebungen, die von allen Menschen in größtmöglichem Umfang genutzt werden können, ohne dass eine Anpassung oder ein spezielles Design erforderlich ist" (Dolph, 2021, S. 180). Später wurde eine überarbeitete Version veröffentlicht, in der die Umgebungen in "Gebäude" und "Außenräume" unterteilt wurden (Dolph, 2021).

Im Laufe der Jahre wurden mehrere weitere Definitionen veröffentlicht. Bei den ersten aktualisierten Definitionen ging es vor allem darum, die Bereiche zu spezifizieren, die das universelle Design abdeckt: Vanderheiden & Tobias fügten 1998 aus der Sicht des System- und Schnittstellendesigns "Systeme und Prozesse" hinzu (Dolph, 2021, S. 182) und 2009 erweiterten Gossett et al. die Definition um "Kommunikation" (Barne, 2021, S. 68).

Um die Jahrhundertwende kam es jedoch zu einer tatsächlichen Weiterentwicklung des Begriffs. Während frühere Definitionen spezifische Designinterventionen in den Vordergrund stellten, betonten spätere Änderungen stärker die Werte, auf denen universelles Design beruht. Bei den Definitionen von Ostroff (2001) und Tauke (2005) ging es um menschliche Vielfalt, Inklusion, Chancengleichheit, demokratische Werte, Antidiskriminierung und persönliche Befähigung (Dolph, 2021). Mit Blick auf die Entwicklung der Definition des universellen Designs wirft Dolph (2021) abschließend die Frage auf, ob nicht die Definition des traditionellen Designprozesses durch eine ersetzt werden sollte, die "mit der Umarmung der menschlichen Vielfalt und des Wohlbefindens beginnt" (S. 184), und nicht einfach die Definition des Designs selbst.

 

Die sieben Prinzipien des Universellen Designs

Bevor wir uns mit dem universellen Design in der Praxis befassen, sollten wir einen kurzen Blick auf die "Sieben Prinzipien des universellen Designs" werfen. Diese Prinzipien wurden 1997 von einer Gruppe von Forschern des Center for Universal Design veröffentlicht und sind auch heute noch nützlich und bieten eine solide Grundlage für Universal Design Praktiker. Sie umfassen Folgendes:

  1. Gleichberechtigte Nutzung - Das Design ist für Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten nützlich und marktfähig.
  2. Flexibilität in der Nutzung - Das Design passt sich einer breiten Palette von individuellen Vorlieben und Fähigkeiten an.
  3. Einfache und intuitive Nutzung - Die Nutzung des Designs ist leicht verständlich, unabhängig von der Erfahrung, dem Wissen, den Sprachkenntnissen oder dem aktuellen Konzentrationsniveau des Nutzers.
  4. Wahrnehmbare Informationen - Das Design vermittelt dem Benutzer die notwendigen Informationen effektiv, unabhängig von den Umgebungsbedingungen oder den sensorischen Fähigkeiten des Benutzers.
  5. Fehlertoleranz - Der Entwurf minimiert Gefahren und die negativen Folgen versehentlicher oder unbeabsichtigter Handlungen.
  6. Geringe körperliche Anstrengung - Das Design lässt sich effizient, bequem und mit einem Minimum an Ermüdung nutzen.
  7. Größe und Raum für Annäherung und Benutzung - Angemessene Größe und Raum für Annäherung, Erreichen, Manipulation und Benutzung, unabhängig von der Körpergröße, Haltung oder Mobilität des Benutzers.

Weitere Einzelheiten zu den einzelnen Grundsätzen finden Sie hier.

Universelles Design in der Praxis

In der Praxis ist es oft so, dass die Designer eine bestimmte Nutzergruppe im Auge haben - aber am Ende stellt sich heraus, dass eine Designlösung tatsächlich für alle bequem ist! Ein Beispiel: Die Niederflurtechnik in öffentlichen Verkehrsmitteln war ursprünglich für Menschen mit eingeschränkter Mobilität gedacht. Sie war jedoch auch für eine größere Gruppe von Fahrgästen nützlich: von Radfahrern und Reisenden bis hin zu Eltern mit Kinderwagen. Aufgrund ihrer Vorteile für alle ist sie heute weit verbreitet und gilt als normal. Sie bietet sogar den zusätzlichen Vorteil, dass die Ein- und Ausstiegszeiten verkürzt werden, so dass die Fahrgäste schneller an ihr Ziel gelangen (Herwig, 2008).

 

Wäre es nicht toll, wenn mehr Designlösungen so universell wären wie diese? Und wie müsste der Designprozess verändert werden, um dies zu erreichen? Die Sieben Prinzipien des universellen Designs sind definitiv ein guter Ausgangspunkt, aber da sie ziemlich theoretisch sind, gibt es hier einige praktischere Ideen, wie man universelles Design angehen kann:  

 

Eine nützliche Überlegung ist die mehrstufige Pyramide von Norbert Seitz, einem Experten auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnologie. Für die Gestaltung von Benutzeroberflächen schlägt er als erste Stufe einen Schnelleinstieg für jedermann vor, gefolgt von der Möglichkeit der Optimierung und Personalisierung für fortgeschrittene Benutzer als zweite Stufe (Herwig, 2008). Diese Idee lässt sich leicht auf die Gestaltung aller Arten von Produkten und Dienstleistungen übertragen. Es ist so einfach, wie es klingt:

 

"Wenn man sowohl den Komfort als auch die intuitive Bedienung im Auge behält, kann man die meisten Designs universeller für jedermann gestalten."

 

Gerade bei digitalen Produkten sollte man bedenken, dass Komplexität nicht gleichbedeutend mit technischem Fortschritt ist. Das bedeutet, die Dinge einfach zu halten, nur so viele Funktionen einzubauen, wie wirklich benötigt werden, und nach Möglichkeit nicht jede aktualisierte Version mit einer völlig neuen Benutzeroberfläche auszustatten. Außerdem sollte man lieber bewährte Produkte auf dem Markt lassen, als jedem Trend hinterherzulaufen.

Stellen Sie sich universelles Design bei der Arbeit vor:

 

 

 

Jemand ist blind oder sehbehindert? Kein Problem: Das Produkt ist vollständig mit einer Tastatur bedienbar und der Text kann vergrößert werden.

Eine ältere Person leidet unter eingeschränkten feinmotorischen Fähigkeiten? Keine Sorge, es gibt alternative Steuerelemente, Pull-Down-Menüs und direkte Links, um ihnen zu helfen.

Sie sind nach einem langen Arbeitstag erschöpft und schon der Gedanke, alle benötigten Dokumente auf der Website der Stadtverwaltung zu suchen, stresst Sie? Keine Sorge, alles ist selbsterklärend und dauert nur ein paar Minuten.

Klingt das zu schön, um wahr zu sein?

Glücklicherweise gibt es viele Anzeichen dafür, dass eine universelle Zugägnlichkeit immer wichtiger wird, dass herkömmliche Designansätze ausgedient haben und dass stattdessen das universelle Design zum Standard wird.

Sie fragen sich, wie Sie jetzt Ihren Beitrag leisten können?

Hier ist eine kleine Vorschau: In Kürze werden wir einen praktischen Leitfaden veröffentlichen, wie Sie Ihre Website barrierefrei gestalten können - bleiben Sie also gespannt!

Quellen:

  • Barne, Colin (2011): Understanding Disability and the Importance of Design for All. Journal of Accessibility and Design for All. Vol. 1 Iss. 1.
  • Bianco, Lino (2020): Universal Design: From Philosophy to Applied Sciences. Journal of Accessibility and Design for All. Vol. 10 Iss. 1.
  • Dolph, Eric (2021): The Developing Definition of Universal Design. Journal of Accessibility and Design for All. Vol. 11 Iss. 2.
  • Herwig, Oliver (2008): Universal Design. Lösungen für einen barrierefreien Alltag. Brinkhäuser Verlag, Basel
  • The Center for Universal Design (1997): The Principles of Universal Design. Available at: https://projects.ncsu.edu/ncsu/design/cud/about_ud/udprinciplestext.htm (25.03.2022)

Ansprechpartnerin

Caroline Eckerth

Caroline hat mehr als 3 Jahre Erfahrung in der UX-Forschung. Sie ist Expertin für Mixed-Methods-Ansätze und internationale Forschungsprojekte. Sie ist verantwortlich für Usability-Tests im Bereich von In-Car-Infotainment-Systemen und Haushaltsgeräten sowie für agile User-Feedback-Tage mit Ergebnisworkshops. Caroline sitzt in unserem Münchner Büro.

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