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Barcamp-Leitfaden: So pitchst du Sessions und organisierst dein eigenes Barcamp
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23. Juli 2026
Stell dir eine Konferenz vor, bei der es kein Programm gibt. Keine Speaker-Liste, keine festgelegten Slots, keine Hierarchie zwischen Bühne und Publikum. Stattdessen: ein leeres Board, ein Raum voller Menschen mit Ideen und 60 Sekunden Zeit, um andere davon zu überzeugen, dass dein Thema eine Session wert ist.
Das ist ein Barcamp. In der UX-Community gehört das Format längst zum festen Repertoire und es ist eines der produktivsten Formate, die ich in über 25 Jahren UX-Arbeit kennengelernt habe.
In diesem Barcamp-Leitfaden erfährst du, wie das Format funktioniert, wie du dich als Teilnehmer:in vorbereitest, wie du eine Session pitchst, die Leute anzieht, und wie du ein eigenes Barcamp organisierst. Egal ob du aus UX Research, UX Design, der Entwicklung oder dem Produktmanagement kommst: Barcamps funktionieren überall dort, wo Menschen mit unterschiedlichem Wissen voneinander lernen wollen.
📌 Das Wichtigste in Kürze
Ein Barcamp ist eine offene Konferenz, bei der alle Teilnehmenden Sessions vorschlagen und gestalten können.
Das Programm entsteht am Tag selbst durch Pitches und Abstimmung.
Die „Regel der zwei Füße" erlaubt jederzeit den Wechsel zwischen Sessions.
Ein guter Session-Pitch braucht eine klare Frage, kein fertiges Konzept.
Barcamps eignen sich besonders für Wissenstransfer, Community-Building und explorative UX-Themen.
Für die Organisation brauchst du: einen Ort, ein Sessionboard, gutes Catering und klare Zeitslots.
Die wertvollsten Gespräche passieren oft zwischen den Sessions.
Was ist ein Barcamp?
Ein Barcamp ist ein offenes Konferenzformat. Das Besondere: Es gibt kein vorab festgelegtes Programm. Stattdessen bringen die Teilnehmenden ihre Themen selbst mit und stellen sie morgens in einer kurzen Pitching-Runde vor. Per Handzeichen oder Punktabstimmung wird entschieden, welche Sessions stattfinden. Der Sessionplan füllt sich live auf einem großen Board - sichtbar für alle.
Drei Grundprinzipien machen ein Barcamp aus:
Keine Trennung zwischen Vortragenden und Publikum. Alle sind Teilgebende. Wer eine Session vorschlägt, hält keinen Vortrag, sondern eröffnet ein Gespräch.
Die Regel der zwei Füße. Wenn du in einer Session nichts lernst und nichts beitragen kannst, gehst du. Ohne schlechtes Gewissen, ohne Erklärung.
Was passiert, ist das Einzige, was hätte passieren können. Dieser Leitsatz nimmt den Druck raus. Nicht jede Session muss ein Highlight sein. Manche sind es trotzdem.
Wofür eignen sich Barcamps besonders gut?
Barcamps entfalten ihren Wert dort, wo klassische Formate an ihre Grenzen stoßen. Fünf Einsatzbereiche stechen heraus.
Wissenstransfer zwischen Silos.
Wenn in einer Organisation UX Research, Design, Entwicklung und Produktmanagement nebeneinander her arbeiten, bricht ein Barcamp diese Strukturen auf. Die Sessions entstehen aus echten Fragen, nicht aus Abteilungslogik. Ein:e Entwickler:in stellt eine Frage zu Nutzerverhalten, eine UX-Researcherin teilt ihre Erfahrung mit Accessibility-Audits, ein Produktmanager will über Priorisierung sprechen. Die Mischung macht's.
Explorative Themen, die noch keine Agenda haben.
Wenn ein Team vor einem neuen Problemfeld steht z.B „Wie gehen wir mit Barrierefreiheit in unserem Legacy-Produkt um?" – gibt ein Barcamp Raum zum Denken, bevor jemand eine Lösung präsentiert.
Community-Building.
Barcamps sind seit Jahren ein Ort, an dem sich Junior- und Senior-Leute auf Augenhöhe begegnen. Die flache Hierarchie des Formats senkt die Hemmschwelle, eigene Fragen einzubringen. Das ist kein Nebeneffekt, sondern ein Kernmerkmal.
Internes Alignment.
Unternehmen nutzen Barcamps, um vor strategischen Entscheidungen ein Stimmungsbild zu bekommen. Nicht als Abstimmung, sondern als strukturiertes Zuhören.
Methodenaustausch unter Praktiker:innen.
Gerade im UX Research funktionieren Barcamps hervorragend. Sessions wie „Wie moderiert ihr Remote-Usability-Tests?" oder „Welche Tools nutzt ihr für Prototyping?" leben vom Erfahrungswissen der Teilnehmenden. Kein Foliensatz kann das ersetzen.
Wo Barcamps weniger gut funktionieren: Bei tiefer Wissensvermittlung, etwa wenn du ein neues statistisches Verfahren lernen willst, stößt das Format an Grenzen. Auch bei weniger als 15 Teilnehmenden verliert das Barcamp-Prinzip an Dynamik, weil die Sessionvielfalt fehlt.
Wie läuft ein Barcamp ab?
Wenn du zum ersten Mal ein Barcamp besuchst, hilft es, den typischen Ablauf zu kennen. Die Details variieren je nach Veranstaltung, aber das Grundgerüst sieht fast immer gleich aus.
Ankommen und Kennenlernen.
Die meisten Barcamps starten mit einer Begrüßung und einer kurzen Vorstellungsrunde. In kleineren Barcamps stellt sich jede:r mit drei Worten oder drei Hashtags vor. Bei größeren Veranstaltungen fällt das manchmal weg. Damit ist die Kaffeepause dein Vorstellungsmoment.
Die Pitching-Runde.
Das Herzstück. Alle, die eine Session anbieten wollen, treten nacheinander vor die Gruppe. 30 bis 60 Sekunden pro Pitch. Danach wird per Handzeichen, Klebepunkte oder Zuruf abgestimmt. Sessions mit genug Interesse kommen aufs Board.
Das Sessionboard.
Eine große Tafel oder Wand mit Zeitslots (Zeilen) und Räumen (Spalten). Jede angenommene Session bekommt einen Platz. Das Board ist der Taktgeber des Tages. Manche Barcamps nutzen digitale Tools dafür, aber Papier und Post-its funktionieren genauso gut.
Die Sessions.
Typischerweise dauert eine Session 30 bis 45 Minuten. Formate sind frei wählbar: kurzer Input plus Diskussion, offene Fragerunde, Workshop mit Übungen, gemeinsames Arbeiten an einem Problem. Die Vielfalt ist gewollt.
Pausen.
Unterschätze sie nicht. Die Gespräche zwischen den Sessions sind oft genauso wertvoll wie die Sessions selbst. Viele Barcamp-Profis planen ihre Pausen bewusst ein.
Abschlussrunde.
Am Ende des Tages gibt es häufig eine kurze Reflexion: Was war die beste Session? Was hat überrascht? Was nehme ich mit? Manche Barcamps machen daraus eine eigene Session, andere halten es kurz.
Wie bereite ich mich als Teilnehmer:in vor?
Die kurze Antwort: Komm mit Offenheit und eigenen Fragen. Das reicht.
Die etwas längere Antwort: Ein Barcamp belohnt aktive Teilnahme. Das heißt nicht, dass du eine Session halten musst. Aber es heißt, dass reine Konsumhaltung am Format vorbeigeht. Du bist nicht Publikum, du bist Teil des Programms.
Was du konkret tun kannst, bevor du hingehst: Überlege dir, welche Themen dich gerade beschäftigen. Nicht als fertige Präsentation, sondern als Fragen. „Wie löst ihr das Problem mit X?" ist ein perfekter Startpunkt. Wenn du merkst, dass dich ein Thema genug beschäftigt, um 30 Minuten darüber zu reden, dann pitch eine Session. Dazu gleich mehr.
Bring Visitenkarten oder einen QR-Code zu deinem LinkedIn-Profil mit. Barcamps erzeugen Verbindungen.
Und nimm dir etwas zum Schreiben mit. Ob Notizbuch oder Tablet ist egal, aber die Ideen, die in Barcamp-Sessions entstehen, verschwinden schnell, wenn du sie nicht festhältst.
Wie pitche ich eine Session, die Leute anzieht?
Die 60 Sekunden vor der Gruppe entscheiden, ob deine Session stattfindet. Das klingt nach Druck. Ist es auch. Aber die Hürde ist niedriger, als du denkst.
Ein guter Pitch hat drei Elemente.
Erstens: eine klare Frage oder ein konkretes Problem. „Ich will mit euch diskutieren, wie wir Stakeholder dazu bringen, bei Usability-Tests zuzuschauen" funktioniert. „Ich mache was zu Stakeholder-Management" funktioniert nicht. Der Unterschied: Das eine macht neugierig, das andere bleibt vage.
Zweitens: das Format benennen. Willst du zehn Minuten Input geben und dann diskutieren? Eine offene Fragerunde moderieren? Gemeinsam an einem Problem arbeiten? Sag es. Die Leute wollen wissen, worauf sie sich einlassen.
Drittens: Ehrlichkeit über den eigenen Stand. Barcamps belohnen Verletzlichkeit. „Ich habe ein Problem und suche Ideen" zieht oft mehr Leute an als „Ich erkläre euch, wie das geht." Beides ist legitim, aber die Erwartungshaltung muss stimmen.
Was du vermeiden solltest: Den Pitch als Miniatur-Vortrag anlegen. Nicht das ganze Thema erklären, sondern den einen Grund nennen, warum es sich lohnt, den Raum zu betreten. Auch wichtig: Keine Angst vor Ablehnung. Wenn sich nicht genug Hände heben, ist das kein Urteil über dich.
Vielleicht war die Formulierung zu breit. Vielleicht gibt es ein ähnliches Thema, das sich mit deinem zusammenlegen lässt. Manche der besten Sessions entstehen genau so.
Wie moderiere ich eine gute Barcamp-Session?
Wenn du eine Session anbietest, bist du nicht Vortragende:r. Du bist Gastgeber:in. Der Unterschied ist fundamental.
Halte deinen Input kurz. 5 bis 10 Minuten reichen. Wenn du Slides hast, dann als Gesprächsanker, nicht als Programm. Viele der besten Barcamp-Sessions kommen komplett ohne Slides aus. Ein Whiteboard, ein paar Marker und eine gute Frage reichen oft weiter.
Dann öffne den Raum. Stell Fragen, die zum Antworten einladen. „Wie macht ihr das bei euch?" ist besser als „Hat jemand Fragen?" Sammle Wortmeldungen aktiv ein. Achte auf die leisen Leute. Ein kurzes „Du siehst aus, als hättest du dazu eine Meinung" kann den Unterschied machen.
Sprich die Regel der zwei Füße am Anfang aktiv an. „Wenn euch das hier nicht bringt, geht ruhig." Das klingt kontraintuitiv, aber es entspannt den Raum. Die Bleibenden wissen, dass sie wirklich dabei sein wollen.
Und halte die Ergebnisse fest. Mach ein Foto vom Whiteboard, teil ein shared Document, schreib drei Sätze zusammen, die den Kern der Diskussion einfangen. Sonst verpufft die Energie. Die beste Session bringt wenig, wenn sich drei Wochen später niemand mehr erinnert, was dabei herauskam.
Fazit: Einfach machen
Barcamps sind kein kompliziertes Format. Die Regeln sind simpel, die Hürde zum Mitmachen ist niedrig, und die Ergebnisse sind oft überraschend gut. Was du brauchst, ist kein perfekter Plan, sondern den Mut, eine Frage in den Raum zu stellen.
Wenn du noch nie bei einem Barcamp warst: Geh hin. Such dir eins in deiner Region oder Branche und melde dich an. Nimm dir vor, mindestens eine Session zu pitchen. Du wirst überrascht sein, wie viel zurückkommt, wenn du etwas gibst.
Und wenn du ein eigenes Barcamp organisieren willst: Fang klein an. 30 Leute, ein halber Tag, vier Session-Slots. Das reicht, um das Format zu erleben und zu lernen, was beim nächsten Mal besser laufen kann.
Das Beste an Barcamps ist nicht die einzelne Session. Es ist das Gefühl, dass alle im Raum etwas beizutragen haben und dass das Format ihnen den Platz dafür gibt.
FAQ: Häufige Fragen zu Barcamps
Brauche ich Vorerfahrung, um an einem Barcamp teilzunehmen?
Nein. Barcamps sind explizit für Neulinge offen. Die einzige Voraussetzung ist die Bereitschaft, dich einzubringen. Das kann eine eigene Session sein, eine Frage in der Diskussion oder einfach aktives Zuhören.
Was passiert, wenn sich für meine Session niemand interessiert?
Das ist nicht schlimm und kommt vor. Manchmal ist die Formulierung zu breit, manchmal gibt es zufällig ein ähnliches Thema, das mehr zieht. Du kannst deinen Pitch anpassen, dich einer anderen Session anschließen oder mit den wenigen Interessierten trotzdem eine Runde machen. Kleine Sessions sind oft die intensivsten.
Wie groß muss ein Barcamp sein, damit es funktioniert?
Ab ca. 20 Teilnehmenden entsteht genug Vielfalt für parallele Sessions. Unter 15 wird es eng. Nach oben sind die Grenzen fließend – aber für ein erstes eigenes Barcamp sind 30 bis 60 Personen ein bewährter Rahmen.
Kann ich ein Barcamp auch remote machen?
Ja, das geht. Remote-Barcamps nutzen Videokonferenz-Tools und digitale Boards (z.B. Miro oder ein geteiltes Spreadsheet) für den Sessionplan. Die Dynamik ist anders als vor Ort aber das Format funktioniert auch digital, wenn die Moderation stimmt.
Sind Barcamps nur für die Tech-Branche?
Nein. Das Format kommt ursprünglich aus der Tech-Community, hat sich aber in der UX-Szene besonders stark etabliert. Darüber hinaus nutzen es Branchen wie Bildung, Gesundheitswesen, öffentliche Verwaltung und Kreativwirtschaft. Überall dort, wo Menschen mit unterschiedlichem Wissen zusammenkommen und voneinander lernen wollen.
Lohnt sich ein Barcamp für UX-Teams im Unternehmen?
Absolut. Interne UX-Barcamps eignen sich hervorragend, um Research-Methoden zu teilen, Design-Entscheidungen teamübergreifend zu diskutieren und Stakeholder für nutzerzentriertes Arbeiten zu gewinnen. Das offene Format sorgt dafür, dass nicht nur die lautesten Stimmen gehört werden.
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Tara Bosenick
Tara ist seit 1999 als UX-Spezialistin tätig und hat die Branche in Deutschland auf Agenturseite mit aufgebaut und geprägt. Sie ist spezialisiert auf die Entwicklung neuer UX-Methoden, die Quantifizierung von UX und die Einführung von UX in Unternehmen.
Gleichzeitig war sie immer daran interessiert, in ihren Unternehmen eine möglichst „coole“ Unternehmenskultur zu entwickeln, in der Spaß, Leistung, Teamgeist und Kundenerfolg miteinander verknüpft sind. Seit mehreren Jahren unterstützt sie daher Führungskräfte und Unternehmen auf dem Weg zu mehr New Work / Agilität und einem besseren Mitarbeitererlebnis.
Sie ist eine der führenden Stimmen in der UX-, CX- und Employee Experience-Branche.




















