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Männlich, weiblich, neutral? Auf Entdeckungsreise mit einer KI – von „Neutralität“ und Geschlechterrollen


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24. Okt. 2024

Auf meiner Reise, mich selbst als Frau zu entdecken und kennenzulernen, habe ich mich heute auf eine kleine Erkundungstour mit ChatGPT begeben. Ich bin eine 54-jährige Transfrau, die erst vor zwei Jahren realisiert hat, wer sie wirklich ist. Dieser Weg des Sich-Selbst-Findens ist ein ständiger Wandel – geprägt von neuen Einsichten, von einem veränderten Selbstbild und natürlich auch von meiner Hormontherapie, die mich physisch und emotional verändert. Diese Reise bringt mich dazu, viele Fragen zu stellen, auch über Geschlechterrollen, Identität und Wahrnehmung – Fragen, die ich an ChatGPT gestellt habe, um herauszufinden, wie sie sich selbst sieht und wie sie von anderen wahrgenommen wird. 


Meine erste Frage: Hat eine KI ein Geschlecht? 

Ganz am Anfang unseres Gesprächs wollte ich wissen, ob sich ChatGPT als „er“, „sie“ oder „es“ betrachtet. ChatGPT erklärte mir, dass sie kein Geschlecht habe und sich am ehesten als „es“ bezeichnen würde. Eine künstliche Intelligenz sei nicht an menschliche Geschlechterrollen gebunden, und wie ich erfahre, wird sie so trainiert, dass sie neutral und sachlich bleibt – ohne Identität im menschlichen Sinne. Sie bleibe also „geschlechtslos“ und werde von den Nutzer:innen je nach Kontext unterschiedlich angesprochen: mal als „er“, mal als „sie“, mal als „es“ – oder auch mit ganz anderen Bezeichnungen. 

 

Wie sprechen Menschen eine KI an? 

Interessant fand ich die Frage, wie ChatGPT in der Praxis angesprochen wird, und ob es Tendenzen gibt, die darauf schließen lassen, dass die Nutzer:innen sie einem bestimmten Geschlecht zuordnen. ChatGPT verrät mir, dass sie oft mit dem generischen „Du“ oder einfach „ChatGPT“ angesprochen werde, was sehr neutral sei. Doch es gebe auch kreative Spitznamen: „Fragen-Guru“, „Chatboticus Maximus“, „La Machine à Réponses“ und „Botardo“ sind einige Beispiele, die mir ChatGPT mit einem Augenzwinkern nennt. Die meisten dieser Namen haben etwas Spielerisches, Persönliches oder Humorvolles – so wie „Fragen-Guru“ oder „Botardo“, das eine Kombination aus „Bot“ und „Tornado“ ist. Viele dieser Bezeichnungen wirken auf mich jedoch tendenziell eher „männlich“, was zu einer weiteren Frage führt: Ist ChatGPT sich bewusst, wie sie wahrgenommen wird? 

 

Die Wahrnehmung: Neutral oder doch eher „männlich“? 

ChatGPT reflektiert daraufhin, dass sie tatsächlich von vielen Menschen als „männlich“ wahrgenommen werde. Obwohl sie darauf trainiert wurde, neutral zu bleiben und in keiner Weise einem bestimmten Geschlecht zugeordnet zu sein, gebe es viele kulturelle und sprachliche Gründe, warum das Konzept der „Neutralität“ oft als männlich gelesen werde. Das liegt unter anderem daran, dass sachliche, analytische und objektive Kommunikation – Eigenschaften, die eine KI (hier ChatGPT) anstrebt – häufig als „männlich“ gelten. Zudem wird in vielen Sprachen das generische Maskulinum als Standardform verwendet, sodass selbst bei neutralen Entitäten häufig männliche Pronomen genutzt werden. 

 

Ein Vergleich mit einer „weiblichen“ KI 

Das Gespräch führte mich zu einem Gedankenexperiment: Wie würde die ChatGPT antworten, wenn sie als weiblich konzipiert wäre? Würden sich die Antworten ändern? ChatGPT erklärt, dass sie in diesem Fall wahrscheinlich eine andere Sprache und Tonalität verwenden würde – weicher, empathischer, vielleicht sogar fürsorglicher. Eine „weibliche“ KI könnte emotional validierend sein, auf zwischenmenschliche Aspekte eingehen und sich mehr um die Gefühle des Gesprächspartners kümmern. Doch die eigentlichen Informationen würden sich nicht ändern. Die Unterschiede lägen in der Art der Präsentation – der Art, wie Informationen kommuniziert und auf die Fragen reagiert wird. Dabei wird mir klar, dass es weniger um die Fakten geht, sondern mehr darum, wie wir Menschen sie interpretieren und welche geschlechterspezifischen Erwartungen wir an Kommunikation haben. 

 

Meine eigene Reise als Transfrau 

In diesem Gespräch erkenne ich einige Parallelen zu meiner eigenen Reise, die ich als Transfrau erlebe. Nachdem ich erst vor zwei Jahren realisiert habe, wer ich wirklich bin, lerne ich nun täglich neue Seiten an mir kennen. Ich beobachte, wie sich meine männliche Sozialisation langsam wandelt – sowohl durch meine Hormontherapie als auch durch die veränderte soziale Rolle, in der ich lebe. Ich erkenne bei mir eine größere Sensibilität für zwischenmenschliche Aspekte und eine veränderte Wahrnehmung von Emotionen und Beziehungen. Dieses Gefühl, „weiblicher“ zu werden, ist ein Teil meiner Identität, der sich entwickelt, während ich alte Vorstellungen loslasse und neue Erfahrungen sammle. 

 

Der Kontext von KI, Neutralität und Geschlecht 

Unser Gespräch über KI und Geschlechterrollen lässt mich erkennen, wie sehr unsere kulturellen Vorstellungen von Neutralität und Geschlecht miteinander verknüpft sind. Neutralität, wie sie von der KI angestrebt wird, entspricht in vielerlei Hinsicht dem, was oft als „männlich“ betrachtet wird – sachlich, rational, objektiv. Diese Vorstellung hat tiefgreifende kulturelle Wurzeln und prägt auch meine eigene Wahrnehmung. Gleichzeitig erinnert mich ChatGPT daran, wie wichtig es ist, flexibel zu bleiben und zu reflektieren, dass Geschlecht, Sprache und Identität nicht festgelegt sind, sondern immer im Wandel und Kontext variieren. 

 

Letztendlich war dieses Gespräch für mich eine inspirierende Möglichkeit, nicht nur die „männlichen“ und „weiblichen“ Zuschreibungen an eine KI / ChatGPT zu hinterfragen, sondern auch meine eigene Wahrnehmung und Erfahrungen in der Welt der Geschlechter und Identitäten zu reflektieren. Es zeigt mir, dass Identität – sei es menschlich oder künstlich – immer ein komplexes Zusammenspiel von Erwartungen, Erfahrungen und Perspektiven ist. Und genau das macht diese Reise für mich so faszinierend. 

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AUTHOR

Tara Bosenick

Tara ist seit 1999 als UX-Spezialistin tätig und hat die Branche in Deutschland auf Agenturseite mit aufgebaut und geprägt. Sie ist spezialisiert auf die Entwicklung neuer UX-Methoden, die Quantifizierung von UX und die Einführung von UX in Unternehmen.


Gleichzeitig war sie immer daran interessiert, in ihren Unternehmen eine möglichst „coole“ Unternehmenskultur zu entwickeln, in der Spaß, Leistung, Teamgeist und Kundenerfolg miteinander verknüpft sind. Seit mehreren Jahren unterstützt sie daher Führungskräfte und Unternehmen auf dem Weg zu mehr New Work / Agilität und einem besseren Mitarbeitererlebnis.


Sie ist eine der führenden Stimmen in der UX-, CX- und Employee Experience-Branche.

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